Unsere ziemlich warme Busfahrt endet etwas abrupt am Flughafen von La Paz – eine Information an die Fahrgäste, dass der Bus hier nicht mehr weiter fährt ist ja überflüssig – wird den Leuten schon auffallen. Nach und nach leert sich der Bus – also gehen auch wir Nachfragen: Der Bus ist kaputt und fährt nicht mehr weiter. Wir legen das letzte Wegstück also mit einem Uber zurück, laden unsere Rucksäcke im Hostel ab und gönnen uns ein gutes Frühstück. Nachdem wir eingecheckt haben starten wir mit der Erkundung der Stadt – typisch für hier natürlich mit der Seilbahn.
Zehn Linien gibt es hier, die zusammen ein 33 kilometerlanges Seilbahnnetz ergeben, errichtet im Zeitraum von 2014 bis 2019. La Paz verfügt somit über das größte urbane Seilbahnnetz der Welt und hat der Firma Doppelmayr damit den bisher größten Auftrag der Firmengeschichte beschert. Wir beginnen heute mit zwei Linien – hinauf nach El Alto, einmal oben entlang und die gleiche Strecke retour – eine ungewohnte Perspektive bekommt man hier auf die Stadt.

Ausgeschlafen starten wir dann am nächsten Tag mit einer Stadtführung. Gestartet wird am Hauptplatz – neben der üblichen Kirche gibt es hier aber auch eine Besonderheit: Das Gefängnis San Pedro flankiert eine Seite des Hauptplatzes – in bester innerstädtischer Lage. Nicht nur die Lage ist spannend auch das Rundherum (oder eigentlich das Innendrinnen). Rundherum patroulliert Polizei – die betritt das Gefängnis aber nicht, das Gefängnis ist eine kleine Stadt in der Stadt und verwaltet sich selbst.
Das Gefängis San Pedro betreibt eine eigene Wirtschaft, in der die Insassen für ihre eigene Ernährung, Unterkunft, medizinische Versorgung und den allgemeinen Unterhalt aufkommen müssen. Das heißt die Insassen müssen innerhalb des Gefängnisses Arbeit finden, um sich den Aufenthalt und das Leben zu finanzieren. Zu den Karriereaussichten gehören unter anderem Schuhe putzen, Wäsche waschen, Kellnern, Friseur, Restaurants oder Geschäfte betreiben, Kunsthandwerk herstellen und verkaufen oder die Arbeit als Drogendealer. Den meisten der Insassen werden Drogendelikte angelastet – es ist also nicht verwunderlich, dass es im Gefängnis eine Kokain Produktion gibt – angeblich kommt das reinste Kokain der Welt aus dem Inneren der Gefängnismauern. Neue Insassen müssen ihre eigenen Zellen kaufen, alternativ kann man sich auch eine Zelle mieten. Keine Zelle gleicht der anderen, die Preise variieren je nach Größe, Qualität und Standort – es soll sogar welche mit Whirlpool geben. Ursprünglich für ungefähr 250 Insassen entworfen befinden sich an die 2000 Insassen im Gefängnis, dazu kommt dann gegebenenfalls auch noch die Familie – Frauen und Kinder dürfen auch hier wohnen. Jeden Morgen machen sich Schwärme von Kindern in Uniform auf den Weg zur Schule die auch am Hauptplatz liegt, am Nachmittag geht es dann wieder zurück in die Zellen. Jahrelang wurde das Gefängnis auch regelmäßig von Touristen frequentiert – ein englischsprachiger Insasse hat sich als Fremdenführer profiliert und Touren innerhalb des Gefängnisses angeboten. Bis zu 70 Touristen sollen an den besten Tagen durch das Gefägnis spaziert sein. Nach medialer Berichterstattung und unzähligen Touristenvideos wurden die illegalen aber bisher geduldeten Touren dann aber verboten. Verurteilt ist in dem Gefängnis niemand, die Insassen befinden sich in Untersuchungshaft – für ein baldiges Gerichtsverfahren muss man ausreichend finanzielle Mittel aufbringen.
Das Gefängnis haben wir also nicht besucht, dafür ging es weiter durch den Markt mit seinem vielfältigen Angebot an Obst und Gemüse – darunter auch dehydrierte Erdäpfel die auf den ersten Blick wie weiße und schwarze Steine ausschauen. Neben dem klassischen Wochenmarkt gibt es hier aber noch den Hexenmarkt – Mercado de las Brujas. Dort gibt es an jedem Stand getrocknete Lamaföten zu kaufen. Wer ein Haus baut, muss zuerst einen solchen opfern und dann die Asche im Fundament einmauern – als Opfer für „Pachamama“ – Mutter Erde. Bei größeren Gebäuden braucht es dann schon größere Opfer – für Hochhäuser nimmt man dann Obdachlose – die bekommen Essen und Trinken bevor sie dann von einer entsprechenden Zeremonie begleitet lebend im Fundament eingemauert werden.


Es geht vorbei am Plaza Mayor de San Francisco und der San Francisco Kirche mit seiner aufwendig gestalteten Fassade in der sich auch indigene Elemente finden – man gab sich ja mühe die Einheimischen zu missionieren und in die Kirchen zu locken. Am Plaza Murillo stehen die Regierungsgebäude in Kolonialarchitektur, dahinter die modernen Erweiterungen. Die Uhr am Kongressgebäude läuft seit der Präsidentschaft von Evo Morales in die verkehrte Richtung – eine neue Zeit.


Die typischen Touristenmagnete wie das Cholitas Wrestling – bei dem bolivianische Frauen in traditioneller Kleidung gegeneinander Kämfpen lassen wir aus. Genauso den Ausflug auf die Death-Road – die angeblich gefährlichste Straße der Welt die man mit dem Mountainbike hinunter braust – inzwischen gibt es wohl eine alternative Straße entlang dieser Route für Busse und Autos, der ein oder andere Bus fährt wohl aber immer noch entlang der alten Straße.

Für Silvester gibt es in Bolivien allerhand Traditionen, begonnen bei der Farbe der Unterwäsche – jede Farbe steht für bestimmte Wünsche im neuen Jahr, außerdem sollte die Unterwäsche neu sein, man sollte sie geschenkt bekommen haben und danach nicht wieder tragen – nicht besonders nachhaltig. Zusätzlich muss man die Unterwäsche den ganzen Abend verkehrt tragen und erst zu Mitternacht auf die richtige Seite umdrehen. Wer gerne reist sollte um Mitternacht mit seinem Koffer spazieren gehen und für mehr Geld soll man Geld zählen. Zu Mitternacht werden außerdem 12 Weintrauben verspeist – jede Weintraube ein Wunsch, diesen Brauch machen wir auch mit, denn obwohl das Lokal in dem wir Feiern um 10 Uhr schon kein Fassbier mehr hat werden zu Mitternacht Weintrauben und Cider – Sekt gibt es hier wohl nicht – zum Anstoßen verteilt.
Während wir ja üblicherweise eine Neujahrsskitour machen verbringen wir den Neujahrstag diesmal mit Seilbahnfahren, wobei wir fast alle Linien und damit einen großen Teil von La Paz entlang fahren.




