Sucre

Sucre ist eine der beiden Hauptstädte von Bolivien und trägt den Beinamen die weiße Stadt – passend denken wir uns, verbringen wir also hier “weiße” Weihnachten. Sucre ist für die Geschichte des Landes sehr bedeutend, denn 1825 wurde hier die Unabhängigkeitserklärung von Bolivien unterzeichnet – heute ist der konstitutionellen Hauptstadt Boliviens aber nur mehr der Oberste Gerichtshof geblieben, sämtliche Regierungseinrichtungen befinden sich in La Paz. Die beiden Städte, die wir bisher in Bolivien gesehen haben waren ja keine Augenweide, hier schaut es gleich viel einladender aus – aber es ist nicht nur der (weiße) Putz der den Unterschied macht, sondern die Kolonialarchitektur der Altstadt. Unser Zimmer ist diesmal zu unserer Überraschung eine kleine Wohnung mit Schlafzimmer, Bad und Wohnküche – so viel Platz hatten wir schon lange nicht mehr. Im Garten vom Hostel gibt es eine große Gemeinschaftsküche und hier ist auch meistens was los – so können wir gleich am ersten Abend mit den anderen Gästen plaudern.

Nicht weit vom Quartier entfernt befindet sich der Cementério Municipal, hier sind heute (am 24.12.) gleich 6 Begräbnisse und generell ist sehr viel los. Typischerweise werden die Särge hier überirdisch übereinander gestapelt. Vor jeder Sargkammer bleibt dann Platz für ein kleines Schaufenster – hier kann man dem Toten dann seine Lieblingsgetränke (Cola ist fast überall dabei) und andere Deko hineinstellen. Was auffällt, sind die vielen neuen Daten an den Gräbern – 4 Jahre darf man seine Kammer hier haben mit der Option zur einmaligen Verlängerung um weitere 3 Jahre – dann muss man sich abholen lassen oder man wird verbrannt, Leerstand herrscht hier trotzdem nicht. Auch die große Anzahl an Gräbern von Säuglingen sticht einem ins Auge, reihenweise wird hier kein erster Geburtstag gefeiert. Ein weiteres Schild führt einem die schlechte medizinische Versorgung hier auch klar vor Augen – es gibt zwei Covid-Blocks, die sind auch nicht zu schmal geraten und prall gefüllt mit 2020er Sterbedaten. Dazwischen laufen immer mal Kinder und Jugendliche mit Leitern zwischen den Gängen – die Friedhofskinder kann man hier bezahlen wenn man die Schaufensterdeko bei den oberen Gräbern ändern will, außerdem bieten sie wohl auch Führungen über den Friedhof an. Bei 6 Begräbnissen schauen wir uns das natürlich auch mal von der Ferne an, man will ja wissen wie so ein Sarg in die obere Etage gehievt wird – dafür gibt es eine eigene Holzkonstruktion mit der das Sargende “stabilisiert” wird – schaut trotzdem sehr wackelig aus. Außerdem steht jeder Beerdigung gleich eine Scheibtruhe und zwei Arbeiter in knallig rotem bzw. orangem Overall bei – die hieven den Sarg über die wackelige Leiter nach oben und verschließen und verputzen dann gleich die Grabkammer solang die Begräbnisgesellschaft noch da ist.

Wir spazieren zum sehr geschäftigen Hauptplatz und essen dann in einem nahen Restaurant Picana, ein typisch bolivianisches Weihnachtsessen. Traditionell wird es eigentlich erst beim großen Familienessen nach der Mitternachtsmette gegessen – wir essen es schon zu Mittag: ein Eintopf aus bis zu fünf verschiedenen Fleischsorten, Erdäpfeln und einem Maiskolben oben drauf – dazu ein Glas Wein.

Den Nachmittag und Abend verbringen wir dann im Hostel mit anderen Reisenden, für uns gibt es heute Weihnachtswraps und Obstsalat. Die Mette lassen wir aus, und auch das hier typische mitternächtliche Feuerwerk nehmen wir nur akustisch wahr.

Die nächsten Tage nutzen wir um gemütlich die Stadt zu erkunden. Am Christtag spazieren wir steil bergauf zu einem Aussichtspunkt, um den Blick von oben auf die weiße Stadt zu genießen. Die Messe im Monasterio de La Recoleta geht gerade zu Ende und die Kirchgänger kommen mit angekleideten Jesusfiguren heraus – dem Glauben nach bringt es Glück, das Jesuskind für die Krippe jedes Jahr neu einzukleiden und dann muss es natürlich auch frisch gesegnet werden.

Weiter geht es durch drei kleine Gassen, jeweils mit einem Bogen beim Eintreten der von einer weißen, schwarzen bzw braunen Katze gesäumt ist – die Katzen-Gassen sollen an die ersten drei Katzen dieser Stadt erinnern. Es geht vorbei an einigen geschlossenen Kirchen bis zum Hauptplatz – hier ist heute einiges los denn hier werden Geschenke an die Wohnungslosen verteilt: Gewand, Spielzeugautos und Popcorn. Wir spazieren zum Parque Simon Bolivar in dem Park steht eine Art Mini-Eifelturm mit einem künstlichen Kanal drum herum in dem die Einheimischen Tretboot fahren. Die Essenstände hier machen eher den Eindruck als könnte man hier direkt eine Lebensmittelvergiftung bestellen – wir haben ja zum Glück noch Reste von gestern.

Den letzten Tag nutzen wir für etwas Landesgeschichte – es geht für uns ins Museum Casa de la Libertad – hier gibt es sogar eine englischsprachige Führung, die uns einen Einblick in die Geschichte Boliviens gibt. Außerdem spazieren wir zum Mercado Central – hier gibt es für jede Ware eine eigene Abteilung: ungekühlte Hühner, Avocados, Limetten, Fruchtsäfte, Erdäpfel und viele andere Waren. Wir lassen den Nachmittag bei einem Kaffee in einem Glockenturm mit bester Aussicht auf die umliegende Dachlandschaft ausklingen.

Sucre ist eine sehr gemütliche Stadt – entsprechend bleibt auch der letzte Tag bei uns gemütlich. Wir hätten ja gehofft noch die ein oder andere Kirche von innen zu sehen – damit waren wir aber nicht erfolgreich. Die Kathedrale hat überhaupt nur einmal pro Woche offen, der Erzbischof ist bis Mitte Jänner auf Urlaub und damit die dazugehörige Kirche auch zu und auch bei den meisten anderen Kirchen standen wir vor geschlossenen Türen. Also spazieren wir noch einmal zum Aussichtspunkt nach oben, genießen einen Kaffee und fahren mangels verfügbarer Tagverbindung am Abend weiter.